Du bist da

Wenn Du erfahren möchtest, was Dankbarkeit ist, was Erfüllung ist, was Schönheit ist, dann kannst Du nicht länger draußen stehen bleiben. Draußen bleiben gilt nicht mehr. Du bist kein Museumsbesucher, der sich Exponate seiner selbst zeigen lässt. Deine Neurosen, über die Du mehr wissen willst. Die Du neu und anders interpretiert haben möchtest.

Der von Dir erfahrene Schmerz kann Dir durch fachkundige Erklärungen nicht genommen werden – „Was hat der Künstler damit gemeint? Was hat er ausdrücken wollen?“ – Nein, Du bist dieser Lebensstrom, der sich selbst in Erfahrung bringen will. Du bist der Lebensstrom, der so sehr nach Dir verlangt, dass Du schließlich bereit bist, ganz in ihn einzuziehen, „um zu ihm zu werden“. Das ist das Ende der Trennung. Und damit das Ende der Fremdheit durch Gegenüberstellung.

Niemand kann Dir sagen, wer Du bist oder zu sein hast. Und niemand kann Dir sagen, warum Du so bist, wie Du bist. Solange Du Dich von Meinungen und Ratschlägen anderer leiten lässt und Dich Dir selbst erklärst oder immer wieder nur erklären lässt, wirst Du nicht in dieses Rot einziehen, in dieses tiefe Schwarz, in das helle Gelb und in das, was zwischen ihnen passiert. In die Kontraste und in das, was sich zwischen den Kontrasten erlebt, was sich als diese Kontraste vollzieht.

Du wirst nicht wirklich erfahren, dass Dich all das zutiefst berührt und betrifft, aber niemals zerstören kann und niemals bedrohlich für das ist, was Du als Wirklichkeit bist. Weil alles in Dir gespürt wird. Weil Du es umfasst, weil es in Dir passiert. Und sich dabei in diesen Farben, in diesen Gerüchen und Geschmäckern und als diese Erfahrungen zu erkennen gibt. Das alles durchströmt Dich, um Dir einen Geschmack vom Leben zu vermitteln. Um Dich spüren zu lassen, was es bedeutet lebendig zu sein. Und jetzt ziehst Du in das wahre Leben ein und verlässt Dich als museales Nacherleben. Du verlässt das Kino, gehst aus dem Theater und lässt damit jede Vorstellung über Dich hinter Dir. Du hörst auf, Dich wortreich betexten zu lassen und versuchst nicht mehr, Dich immer wieder nur erfassen und begreifen zu wollen. Nein, jetzt hast Du begriffen, dass Du Dich damit nur von Dir selbst abhältst und damit im Sicherheitsabstand zu Dir selbst verbleibst. Wie hinter Glas.

Vielleicht hast Du bisher gedacht, dass Du es nicht aushalten kannst, dieses Leben. – Dieses Leben zu leben. Weil Du bisher geglaubt hast, dass es Dich überwältigen könnte, wenn Du Dich ganz darauf einlässt und es einfach „laufen“ lässt. Was es auch tut, wenn Du es von der Leine lässt! Aber diese Überwältigung wird ganz anders sein, als Du sie Dir denkst, als Du sie befürchtest.

Das Leben selbst ist ein überwältigender Prozess, dem Du beiwohnst. Dem Du offen und staunend beiwohnst. So dass es Dich passieren darf. Allein dadurch entdeckst Du, was es bedeutet. Dieses Leben erzählt sich in Dir als Du. Und niemand erzählt es für Dich. Es kann Dir nicht von einem anderen erzählt werden, sondern nur von innen heraus. Indem Du es ganz zu Dir lässt. Wodurch Du zu einem unglaublichen Geschichtenerzähler wirst. Weil Du jetzt eigene Geschichten zu erzählen hast. Wahre Geschichten, die von einer Vergangenheit berichten, die vergangen sein darf. Von einer Vergangenheit, die nicht immer wieder aufgegriffen werden muss, weil sie von Dir erlebt worden ist und sich im Erleben erschöpft hat. Damit zieht Dich Deine Vergangenheit nicht mehr von Dir weg. Und wird leicht. So leicht, dass Du sie in Form von Geschichten zum Besten geben kannst, während Du ganz hier bleibst. Hier bei Dir. – In diesem Augenblick, in dieser Erfahrung. Die sich selbst erlebt und dabei verbrennt. Und dann nur noch auf der Ebene einer Erinnerung existiert.

Jetzt geht es Dir nicht mehr um positive Erfahrungen, die Du in einem viel zu kleinen Körbchen für schlechte Zeiten sammelst. Um Dich von ihnen zu nähren, wenn Du Dich wieder abgeschnitten und einsam fühlst. Nein. Wenn Du Dich jetzt abgeschnitten und einsam fühlst, bist Du bereit, das auch zu erleben! Wodurch sich die Erfahrung einsam zu sein und sich abgeschnitten zu fühlen voll erlebt. Direkt und ohne Umwege. Damit dieses Gefühl hier erlebt werden und verbrennen kann. Damit es Dich in der Freiheit belässt.

Alles, was voll erlebt wird, findet über sich hinaus und gibt den Platz für neue Erfahrungen frei. Nichts wird mehr für später aufgespart. Nichts wird zurückbehalten. So macht es das Leben, das sich selbst gegenüber vollkommen unbekümmert ist und sich dabei selbst durchdringt. Es hält an nichts fest, weil es sonst kristallisieren und erstarren würde. Was heißt, dass es dann nicht mehr wäre, was es ist. Doch das Leben ist zu lebendig, um sich nacherzählen zu lassen. Als Referat über das Leben, als eine Anschauung über das Leben. Nein, die Magie des Lebens besteht darin, dass es bereit ist, sich Augenblick für Augenblick aufzugeben. Für diesen Augenblick. Für diesen Atemzug. Für diesen Herzschlag. Auf diese Weise demonstriert es seine unbedingte Zuversicht.

So, wie Du. Weil Du immer deutlicher spürst, dass Du niemand bist, der an sich festhalten muss. Weil Du lebendig bist. Weil Dein Körper warm ist. Weil Dein Herz schlägt. Weil durch Deine Augen wirklich gesehen wird. Wenn Du erreichbar bist. – Und wenn Du Dich erreichen lässt, bist Du da, wo das Leben ist. Von hieraus entfaltet sich alle Bedeutung …

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