Hier ist das Leben

Du kannst Dich nicht beschreiben und nicht beschrieben werden. – Allein deshalb leidest Du unter Deinen Beschreibungen über Dich. Aber stimmt das wirklich? Bist Du es, der sich selbst beschreibt? Oder weißt Du nichts anderes über Dich als diese Beschreibungen? Vielleicht weißt Du noch gar nicht, dass Du Dir beigebracht worden bist, ohne Dich vorher kennengelernt zu haben. Dann hast Du einfach immer wieder versucht, Dich am Beigebrachten zu orientieren und Dich dementsprechend zu verhalten.

Du hast versucht, Dich irgendwie in dieser Welt unterzubringen, um Dich in ihr zurechtfinden und mitmachen zu können.

Du hast versucht, Dich irgendwie in dieser Welt unterzubringen, um Dich in ihr zurechtfinden und mitmachen zu können. Du wolltest keine Schwierigkeiten haben und endlich verstehen lernen, wie das hier funktioniert und wie man das hier bewältigt. Du wolltest herausfinden, was das hier für ein Spiel ist. Wie es gespielt wird. Weil es nicht Dein Spiel war. Das wird Dir jetzt allmählich wirklich klar. Es war nie Dein Spiel! Sondern das Spiel, in das Du Dich so gut es Dir möglich war, eingepasst hast. Aber es hat Dir nie gepasst. Dieses Spiel. Es war nie wirklich Deins.

Wenn Du das nicht nur glaubst, sondern Dir erlaubst, es zutiefst zu spüren, wirst Du mit offenen Augen in die Welt hineinlaufen, die Dir entspricht. Weil es diese Welt bereits gibt! Ohne dass Du sie bisher wirklich wahrgenommen hast. Diese Welt will sich Dir eröffnen und Dir damit so nahe kommen, dass Du sie nicht mehr von Dir weisen kannst. Und das, was Du nicht von Dir weisen kannst, kommt Dir so nah, dass Du es nicht mehr beschreiben kannst. Weil Du es bist. – Und einfach fühlst, wenn Du traurig bist, wenn Du Dich freust, wenn Du Dich hingezogen fühlst, wenn Du verweilen möchtest oder einfach etwas tun möchtest. Weil es so ist, wenn es so ist. – Und all das bedarf keines „Warums“. Es bedarf keiner Erklärungen über Dich. Weil Du jetzt bereit bist, Dich zu spüren, was nichts anderes heißt als: Weil Du jetzt bereit bist, Dich nicht mehr zu verlassen.

Weil Du endlich spürst, dass Du wirklich lebendig bist …

Das ist eine überaus interessante Entdeckung: In dem Moment, wo das Selbstgespräch in Dir aufhört, hörst Du auf, Dich erklären zu wollen. Weil Du bemerkst, dass Du unerklärlich bist. Weil Du endlich spürst, dass Du wirklich lebendig bist. Dass Du gegenwärtig bist und selbst die erlebende Gegenwart bist.

Doch es bedarf noch einer viel umfassenderen Stille, um Dich tiefgehender zu entdecken. Und jetzt entdeckst Du, dass Du Dich bisher nur oberflächlich kennengelernt hast. Als Beschreibung „über Dich“. Als Erklärung für Dich. – Um Dich zu beruhigen. Um nicht auf das Wunder aufmerksam werden zu müssen, das das Leben ist. Denn bisher war das, was Du gesehen hast, einfach ein Baum. Und das war ein Fluss und das ein Kind. – Nur, was ist ein Kind? Was ist ein Fluss? Was ist ein Baum? Dafür muss es still in mir werden. Empfänglich. Sonst weiß ich es schon. Sonst habe ich ihn schon gesehen. Den Baum. Und alles, was ich schon gesehen habe, erstarrt in mir zu einer Oberfläche und ist dazu verdammt, tot zu sein. Obwohl es lebendig ist.  

Und so leben wir in uns selbst wie Abgetötete. Wir kennen uns. Unseren Freund, unsere Freundin, unseren Ehemann, unsere Ehefrau, unsere Kinder. Wir kennen das alles und wir sind es leid. Und es ist gut, das alles leid zu sein. Doch es ist sehr wichtig, das richtig zu verstehen. Wir sind das Tote leid. Wir sind es leid, als Tote in unseren Beschreibungen über uns und andere zu leben. Wir sind es leid, in unseren Anschuldigungen, Mutmaßungen, Verdächtigungen und Vorstellungen zu leben. Und damit so, als wären wir diese.

Tief in uns ist ein unstillbarer Durst nach uns selbst …

Dabei sehnen wir uns nach nichts anderem als nach dem Leben, eben weil wir in Wirklichkeit lebendig sind. Tief in uns ist diese Information nicht erloschen. Tief in uns ist ein unstillbarer Durst nach uns selbst. Nach diesem Leben. Das endlich sein Versprechen einlösen und selbst lebendig sein will. Und wenn uns das wirklich klar wird, können wir nicht mehr wie Tote leben. Dann wollen wir aus uns selbst heraus zum Leben erwachen. Dann wird der Wille des Lebens zu unserem Willen. Und damit finden wir in den wahren Willen. Und identifizieren ihn als den unseren. Und das verändert alles.

Ich bin darauf trainiert worden, mich im Griff zu haben, um wie ein Toter vorhersagbar zu sein. Und damit lebe ich ein Leben, das mich letzten Endes gar nicht betrifft. Mir ist beigebracht worden, mich zu „verhalten“, die Situation im Auge zu behalten und auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Mir ist beigebracht worden, mir nicht zu vertrauen und souverän zu reagieren. Und um diese mir vollkommen widersprechenden Verhaltensmaßregeln einhalten zu können, habe ich Angst vor der Unvorhersehbarkeit des Lebens bekommen. Vor echter Berührung und damit vor mir als nicht vorhersehbarer Wirklichkeit, die sich nicht berechnen lässt.

Und eben das kann nicht meine Wirklichkeit sein!

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