Past Presence

Heilung bedarf der Gegenwart …

Wir sprechen so selbstverständlich von unserer Vergangenheit, von „der“ Vergangenheit, von „der“ Geschichte – von unserer persönlichen Geschichte, von der Erdgeschichte, von der universalen Geschichte. Und dabei fällt uns überhaupt nicht mehr auf, was wir damit eigentlich meinen. Denn: Was ist Vergangenheit? Past Presence – vergangene Gegenwart. Gegenwart, die den Raum der Zeit bereits passiert hat. Und damit nicht mehr Gegenwart sein kann, wenn die Gegenwart Gegenwart sein und bleiben will.

Vergangenheit ist also eine Überlagerung der Gegenwart. Und zwar dann, wenn sie sich in uns aufführt oder abspielt. Sie überlagert die Gegenwart. Vergangenheit ist vergangene Gegenwart. Und wenn ich mich oft, öfter, oder fast ausschließlich in der vergangenen Gegenwart aufhalte, kann ich nichts mehr lernen, nichts neues sehen und damit nicht wirklich zu mir kommen. Und damit verbleibe ich in einer Distanz zu mir. Die sich nicht überwinden lässt. Weil ich nur hier in der Gegenwart sehen und erleben kann – und lebendig bin. Ich kann das Leben nur einsehen und verwirklichen, wenn ich mich fortwährend von der Gegenwart berühren lasse und immer öfter auf mich als Past Presence (als vergangene Gegenwart) verzichte.

Anderenfalls wird mich die Vergangenheit in sich einschließen. Dann ist der gegenwärtige Augenblick nur noch dazu da, die Vergangenheit zu bestätigen. Und damit bekommt die Vergangenheit ein immer größeres Gewicht und damit eine Wirklichkeit, in der ich nicht mehr wirklich sein kann! Auf diese Weise verpasse ich die immer gegenwärtige Gegenwart. Und bleibe an mich als Vergangenheit ausgeliefert.

Die Auswirkungen einer solchen Vergangenheit auf unser Leben spüren wir als Enge und Schwere am eigenen Leib: Wir beschweren uns in Form unserer Vorerfahrungen, unserer Traumata, unserer Neurosen, unserer Zwangsvorstellungen, unserer Verletzungen und all der Dinge, die wir nicht durchschaut und direkt verarbeitet haben. Damit versinken wir in einem Morast, der uns zwingt, uns selbst und andere schuldig zu sprechen. – Warum fühle ich mich so? „Wer ist schuld daran?“

Die Suche nach der Ursache wird zur Frage nach der Schuld! Nach demjenigen, der meine Gefühle zu verantworten hat. Das passiert von allein, wenn ich mich immer wieder in der vergangenen Gegenwart aufhalte, weil allein die Gegenwart von der Schuld erlösen und damit alle Wunden heilen kann. Weil Erkennen, Heilung und Erlösung der Gegenwart bedürfen, weil allein in ihr das Vergangene und Verletzte von sich selbst lassen kann. Wenn mir das bewusst wird, bin ich bereit alles Vergangene gehen zu lassen. D. h.: Dann bin ich bereit, nicht mehr daran festzuhalten! Und damit darf die Zeit wirklich passieren. Genau darin besteht Heilung! Dass sie passieren darf!

Wenn mir klar ist, dass die Vergangenheit die Gegenwart nur über den Umweg von Gedanken berühren kann, erkenne ich, dass ich die Gegenwart geistig immer wieder dazu benutze, die Vergangenheit zu bestärken. Und das ist nicht mehr mein Anliegen, wenn ich es gesehen habe. Ich erkenne es als nicht sinnvoll. Schließlich hält es mich in einer Welt und Version von mir gefangen, von der ich schon seit Ewigkeiten Erlösung suche. Darum geht es, wenn Du die Schuld loslässt. Darum geht es, wenn Du einen vergangenen Schmerz als zur Vergangenheit gehörig erkennst und ihm gestattest zu heilen – ihm gestattest, sich in die Gegenwart hinein aufzulösen.

Jetzt beharrst Du nicht mehr auf Dich in verletzter Form. Und wenn Du aufhörst, auf Dich in verletzter Form zu beharren, hörst Du auf, auf die Schuld zu bestehen, die Du denjenigen gibst, die Dich Deinem Empfinden nach verletzt haben. Und damit dämmert Dir, dass Du Dich in Wirklichkeit immer wieder selbst verletzt hast. Einfach dadurch, dass Du den gegenwärtigen Augenblick immer wieder übergangen hast, um weiterhin auf die Verletzung bestehen zu können. Solange Du das leugnest, trägst Du aktiv dazu bei, dass Heilung nicht geschehen kann – die von selbst passiert, wenn Du im „Raum der Gegenwart“ bist.

Dabei ist der Raum der Gegenwart kein „Raum“; der Raum der Gegenwart ist der Raum, in dem Du Dich als lebendige Anwesenheit entdeckst. Hier passiert es, hier kommt es zu sich, und hier lässt es sich selbst los – augenblicklich. Gegenwart transportiert sich in Form reiner Informationen, und reine Informationen können sich als Empfindungen, Gefühle und Gedanken zu erkennen geben.

In der Gegenwart kannst Du sehen, hören, fühlen, schmecken … In der Gegenwart kannst Du Dich auflösen und Dich als das, was beschwert ist, vergessen. Tatsächlich ist das kein Vergessen, sondern ein Sich-nicht-immer-wieder-daran-Erinnern. Und damit endet die Restimulation. Die Restimulation nämlich ist es, die den Schmerz, und damit alle Verletzungen aufrechterhält.

Past Presence, vergangene Gegenwart – das ist ein großer Hinweis! In dem Augenblick, in dem es nicht mehr um Schuld geht, bist Du nicht mehr im Modus der vergangenen Gegenwart unterwegs. Wenn Du in der Gegenwart ankommst, spürst du, was von einem Schmerz oder einer Verletzung noch da ist: Hier, jetzt, in diesem Augenblick, und wendest Dich dieser Verletzung ganz unmittelbar zu. Das ist es, was Heilung bewirkt. – Du, als Anwesenheit für Dich selbst.

Und damit wirst Du immer leichter. Oder schlicht nicht mehr beschwert. Weil die Gegenwart den Schmerz abträgt und selbst nicht schuldig spricht, da sie keine Schuld kennt. Damit kommt es hier, in diesem Augenblick, zu einer ganz direkten Berührung des Lebens mit sich selbst. – Und diese ganz direkte Berührung des Lebens mit sich selbst heißt Bewusstsein. Hier wird sich das Leben seines Seins bewusst. Es wird sich bewusst, dass es berührt wird – von sich selbst. Und von hieraus richtet sich das Leben direkt nach den Berührungen. Es verkleidet die Berührungen nicht mehr, es wendet sich nicht mehr ab. So kann in diesem Augenblick auch ein intensiver Schmerz erlebt werden – und sich auflösen. Er kann seine Information preisgeben und mich auf die entsprechende und angemessene Art und Weise bewegen. – Darüber muss ich jedoch nicht mehr reflektieren. Weil ich es direkt erlebe! – In diesem Augenblick fängt der belebte Körper von selbst an, sich absolut intelligent und in Übereinstimmung mit dem Leben zu „ereignen“.

Was bedeutet, dass hier immer weniger akkumuliert wird. Immer weniger, was später mühsam aufgelöst werden soll. Ich werde immer leichter. Damit verlieren sich alle Ideen über mich und die Welt. Jetzt erfahre ich ein ganz unmittelbares Berührtsein von mir als Welt und komme als intelligente, gegenwärtige Kraft ganz hierher. Wo ich schon immer war. Endlich spüre ich das ganz ohne jeden Zweifel!

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