Vollständig in mich eingezogen

Du kannst bei der Selbstentdeckung nicht draußen stehen bleiben, weil dieses Leben nicht nur irgendwie mit Dir zu tun hat! Nein, Du bist dieses Leben. Das weit über alles hinausgeht, was Du Dir denken kannst. Das gilt es zu entdecken. Deshalb bist Du da. Wenn Dir das Leben so nahe kommen darf, dass Du es nicht mehr von Dir weisen und damit im Abstand zu Dir halten kannst, wird etwas offensichtlich: Alle Fragen, die Du stellst, sind Fragen, die Du Dir selbst stellst. Aus „Was ist der Sinn des Lebens?“, wird „Was ist der Sinn meines Lebens?“ – Und schließlich stellt sich die Frage: „Wer fragt das?!“ – Gibt es in mir etwa einen anderen als den, der ich bin? – Und verwechsele ich mich mit diesem anderen in mir?

Solange Du immer wieder nur nach „dem Sinn“ Deines Lebens fragst, kannst Du nicht verwirklichen, dass sich der Sinn vor Dir verbirgt, bis Du bereit bist, ihn als dieses Leben zu empfangen. Du kannst zu niemandem „werden“, der Dir gibt, was Du noch nicht „hast“ bzw. bist. Du kannst nur entdecken, was in Dir liegt. Du kannst entdecken, dass Du ein empfindungsfähiges, intelligentes, berührbares Wesen bist, das sich in einer Welt vorgefunden hat, die so stark vom Leben abweicht, dass sie nicht zu verstehen ist. Und dieses Unverständnis führt zu einem Wesen, das sich selbst nicht versteht, obwohl es in Wirklichkeit nichts anderes will, als zu erleben, dass es selbst göttlichen Ursprungs ist. Als dieses Wesen stößt Du Dich immer wieder an der Härte, an der Kälte und der Funktionalität einer Welt, die mit Dir nicht in Einklang zu bringen ist und damit auch nicht zu Deinem Zuhause werden kann!

Das Reich des Bösen, wo soll das sein? Im Kalten Krieg war das Reich des Bösen auf der anderen Seite. Und das wird geglaubt, solange ich in mir selbst von mir abgespalten bin und tatsächlich glaube, dass ich es bei mir mit jemandem zu tun habe, den ich verstehen lernen muss, den ich beherrschen lernen muss, den ich kontrollieren lernen muss. Dabei bist du einfach nur Mensch, ich bin einfach nur ein Mensch. Und in der Welt der Menschen taucht das Böse auf, taucht die Angst auf, taucht die Realisation von Gewalt auf. Im Leben des Menschen zeigt sich der geistige Wahnsinn, der sich selbst nicht in Frage stellt, sondern von seiner Richtigkeit ausgeht, was zu Konsequenzen führt. Zu inneren Konsequenzen und zu äußeren Konsequenzen. Eine äußere Konsequenz ist Krieg, ist die Verlagerung des Bösen nach außen. Eine innere Konsequenz ist, dass ich wirklich glaube das Gute nicht wert zu sein, es nicht verdient zu haben, nicht richtig zu sein.

Beide Male habe ich es mit einem isolierten Geist zu tun, der damit nicht bereit ist, sich tiefer einzulassen. Der nicht bereit ist, tiefer in dieses Leben einzuziehen, um ganz zu diesem Leben zu werden, um eins mit diesem Leben zu sein, um sich als eins mit diesem Leben zu erfahren. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass sich in mir die Angst und die Enge erlösen dürfen. Das ist die Voraussetzung dafür, dass ich verstehe, dass das, was das Leben selbst ist, nicht böse ist, nicht falsch ist, nicht irgendwie ist, sondern dass dieses Leben nur nach einem verlangt: In Anwesenheit gelebt zu werden.

Ich bin kein Wurm und kein wildes Tier, sondern ein Mensch. Und Mensch zu sein bedeutet, dass ich erlebe, dass ich bin. Ich werde mir meines Seins bewusst und ziehe ganz in dieses Sein ein. – Ich schaue mich in Form dieses Lebens also nicht mehr wie von außen an, ich reflektiere nicht mehr unentwegt und mache mir Gedanken über mich und die Welt, sondern werde durch Reflektion auf mich als Anwesenheit aufmerksam und ziehe in das, worauf ich aufmerksam werde, in Vollständigkeit ein. Das heißt, ich werde ganz zu diesem Menschen und erlebe diesen Menschen von innen heraus. Seine Gefühle, seine Gedanken und seine Handlungen. Jetzt spüre ich, dass ich handle.

Meine Hände und mein Geist drücken aus, was sich in mir vollzieht. Und damit bin ich auf höchste Weise an mich selbst angeschlossen. Und habe überhaupt keine Zeit mehr dafür, mich aus mir herauszustellen, um nach einem imaginären Sinn zu fragen, der nur auf der Ebene eines nicht mit dem Leben verbundenen Verstandes konstruiert werden kann, der dann über mich und das Leben philosophiert und hübsche oder erschreckende Bilder in den Raum sieht. Der Sinn des Lebens ist es dieses Leben zu erfahren. Und dafür muss ich als das, was Geist ist, bereit sein, über mich als begrenzten Verstandes hinauszugehen und es wagen, in die Unsicherheit des Lebens einzutreten. Das nur aus der Perspektive des begrenzten und alles begrenzenden Verstandes wie eine Unsicherheit aussieht.

Solange ich dieser Unsicherheit auszuweichen versuche, wird die Angst mein ständiger Begleiter bleiben. So lange werde ich mich vor dem Leben schützen wollen. Es bedenken wollen, es handhaben wollen, es kontrollieren wollen, es bedenken wollen. So lange werde ich mir unentwegt Gedanken machen. Und all diese Gedanken gehen immer wieder am Leben vorbei. Und weil sie am Leben vorbei gehen, können sie dieses Leben nicht berücksichtigen. Diese Gedanken spüren das Leben nicht. In diesen Gedanken spürt sich das Leben nicht. Damit wird das Leben zu etwas, das sich als sinnlos erfährt. Weil der einzige Sinn dieses Lebens in der Selbstberührung und in der Selbstwahrnehmung besteht. Wenn ich noch tiefer schaue, werde ich mir der Tatsache bewusst, dass es mich als jemanden, der selbst jemand ist, nicht gibt, weil ich selbst ein Ausdruck des Lebens bin, der sich selbst erlebt.

Ich selbst bin das, worum es in diesem Leben geht. Ich bin schon hier. Ich bin dabei. Ich bin ich selbst. Und ich selbst zu sein, bedeutet hier zu sein. Definitionslos hier zu sein. Und in diesem Hiersein kann Angst auftauchen, hier kann Angst passieren, hier kann es zu einer unangenehmen Berührung kommen, hier kann es zu einer Begegnung mit einem Menschen kommen, die wirklich nicht angenehm ist. Dessen bin ich mir augenblicklich bewusst. Und verhalte mich dementsprechend.

Ich muss mein Verhalten nicht mehr bedenken, da ich eins mit diesem Organismus bin. Wodurch dieser Organismus zu einem intelligenten, sich um sich selbst kümmernden Organismus wird, der nicht mehr wie von außen bedacht werden muss, weil der Denker in diesen Organismus eingezogen ist. Weil der dieses Leben Erfahrende zu diesem Leben geworden ist, weil er sich von sich selbst nicht mehr trennen kann. Damit werden meine Gedanken, meine Gefühle und Handlungen klar und deutlich. Für mich selbst und vor anderen.

Und da, wo Deutlichkeit eingezogen ist, bin ich kein Spielball der Umstände mehr. Weil ich erkenne, dass es die Umstände, so, wie ich sie gesehen habe, zu keiner Zeit gegeben hat. Das, was ich in mir und der Welt sehe, hat mit mir zu tun. Es hat damit zu tun, wie ich mich in mir fühle und wie ich darauf schaue. Und das wird mir jetzt wirklich vollumfänglich bewusst, wodurch sich mein inneres und äußeres Erleben immer tiefergehend synchronisieren.

Hier fange ich an mich selbst als dieses Leben zu fühlen – und zu fühlen bedeutet: Hier fange ich an für mich als Leben offen zu sein. Das heißt: Hier gebe ich jeden Plan, den ich hatte auf und lasse mich direkt vom Leben unterrichten, wohin es mich führen will. Und allein das erlöst mich aus der vorgestellten, aus der imaginären Angst und führt mich in ein Reich, das so sicher ist, weil dieses Reich ist, wer ich bin. Hier kann ich nicht mehr verlassen werden. Und das heißt nichts anderes als, hier bin ich vollständig in mich eingezogen.

Consent Management mit Real Cookie Banner